Der finale Anlass für dieses Thema ist eine Entdeckung, die ich kürzlich beim Recherchieren europäischer "Generation 2"-Verpackungen gemacht habe. Das ganze verknüpfte sich in meinem Kopf mit einer Erkenntnis, die mir beim Übersetzen einer Textgeschichte aus einem der Condor-Comics kam. Und das wiederum brachte mich zu einer noch viel größeren Erkenntnis bezüglich einer jüngst in Deutschland erschienenen Figur.
Mehr dazu später.
Die Transformers hatten seit jeher einen etwas schwierigen Stand in Deutschland. In erinnere beispielsweise an die Fernseh-Doku "Monster im Kinderzimmer" aus den 80er Jahren (Youtube Teil 1, Youtube Teil 2, Youtube Teil 3), in der mit einem reißerischen Titel über die "grausamen" und "gewalttätigen" Spielzeuge, die zur damaligen Zeit im Handel erhältlich waren, berichtet wurde.
Inwieweit diese gesellschaftlichen Vorbehalte dafür verantwortlich waren, dass die Marke einige Jahre länger brauchte, um sich durchzusetzen (der erste Versuch des Condor-Verlags, die Marvel-Comicserie zu veröffentlichen, brachte es 1986 nur auf drei Hefte; erst als RTL plus 1989 mit der Ausstrahlung einer synchronisierten Fassung der Zeichentrickserie begann, wagte Condor einen zweiten Anlauf, und etwa zur selben Zeit begann dann auch der tatsächliche Erfolg der Marke in Deutschland), lässt sich im Rückblick nur noch schwer nachvollziehen. Fakt ist, dass die westdeutsche Gesellschaft damals noch deutlich anders aufgestellt war: Der Zweite Weltkrieg lag gerade mal 40 Jahre zurück, niemand konnte wissen, dass der Kalte Krieg sich gerade in seinen letzten Zügen befand, die damalige Elterngeneration war stark geprägt vom Geist der 68er, und dementsprechend war alles, was als "gewalttätig" empfunden wurde, in der Kinderunterhaltung verpönt.
Ich weiß noch, wie mein Vater alles andere als begeistert war, als ich mir Blitzwing (die mexikanische Version von Plasticos IGA, die damals als Parallelimport ohne Hasbros Beteiligung in Deutschland erhältlich war) gekauft habe. Ein Spielzeugpanzer? Überhaupt nicht toll.
Die in den Condor-Comic-Magazinen und -Taschenbüchern zwecks Seitenfüllen veröffentlichten Textgeschichten, in all ihrer Primitivität, stereotypen Wiederholung von Handlungsmustern, den endlosen "Konferenzen" und langen Erläuterungen aller Autobots und Decepticons (= Listen aller damals im Handel erhältlichen Spielzeuge), sind erkennbar geprägt vom damaligen Geist, insbesondere der Einstellung des Hauptautoren Robert Mann (möglicherweise ein Pseudonym). Das ist zwar auch klar beeinflusst von der Marvel-Version Optimus Primes, die in den übersetzten Comics (sowohl die von Bob Budiansky geschriebenen US-Geschichten als auch die von Simon Furman verfassten UK-Comics) regelmäßig über die Sinnlosigkeit des Konfliktes mit den Decepticons und die Gefahren, die aufgrund der bloßen Anwesenheit der Transformers auf der Erde über die Menschheit hereinbrechen, sinniert. Die Condor-Interpretation geht jedoch noch weit darüber hinaus: Der "deutsche" Optimus Prime ist ein Möchtegern-Pazifist, der jegliche Form von Gewalt verabscheut und seinen Autobots immer wieder predigt, sich nicht auf die Feuerkraft ihrer Waffen zu verlassen, sondern ihre Gegner vielmehr mit Hilfe von Teamwork zu besiegen. (Wie sinnvoll das in der Praxis ist, sei mal dahingestellt.)

Ebenfalls erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist die Haltung diverser deutscher Autobauer zur Transformers-Marke: 2003 begannen Hasbro und Takara mit der Veröffentlichung der Serie "Alternators" ("Binaltech" in Japan), deren Alleinstellungsmerkmal war, dass es sich bei den Alternativformen der Figuren allesamt um offiziell lizenzierte Fahrzeugmodelle handelte. Deutsche Hersteller waren jedoch nicht vertreten. Das lag nicht am fehlenden Interesse Hasbros und Takaras: Der erste Prototyp für die Serie überhaupt war Jazz in der Form eines Porsche Boxster, zudem existieren Entwürfe für Bumblebee und Cliffjumper als VW New Beetles.

In beiden Fällen lehnten die Fahrzeughersteller jedoch eine Kooperation ab. Das meiste davon sind zwar nur Gerüchte, die in Fankreisen seit mittlerweile fast 20 Jahren erzählt werden; ich selbst habe damals allerdings einen Transformers-Fan, der seinerzeit für Porsche gearbeitet hat, gebeten, mal intern nachzuhorchen, und er hat dann tatsächlich mit jemandem aus der Lizenzabteilung Kontakt aufgenommen und die Antwort erhalten, dass es sich aus Sicht des Porsche-Konzerns (dessen Ursprünge, wie auch im Fall Volkswagens, untrennbar mit der Zeit der NS-Diktatur verknüpft sind) bei den "Transformers" um "Kriegsspielzeug" handle und daher eine Zusammenarbeit mit Porsche nicht in Frage käme. Der Volkswagen-Konzern hat seine Einstellung diesbezüglich offenbar später geändert, was wohl auch mit dem großen finanziellen Erfolg der von Michael Bay inszenierten Transformers-Kinofilme zu tun haben könnte. Nachdem TakaraTomy bereits 2014 eine lizenzierte "Masterpiece"-Version von Bumblebee in Japan herausbringen durfte, veröffentlichte Hasbro selbige dann zwei Jahre später auch in den USA und Großbritannien (interessanterweise aber nicht in Deutschland - ob dies nun an VW, Hasbro oder Toys"R"Us, bei denen Masterpiece Bumblebee in den USA und Großbritannien exklusiv erhältlich war, lag, entzieht sich meiner Kenntnis). Ihren Höhepunkt erreichte die Kooperation mit Volkswagen schließlich 2018 mit dem "Bumblebee"-Kinofilm und der dazugehörigen Spielzeugreihe.
Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass in den 80er und 90er Jahren einige Figuren nicht in Deutschland erhältlich waren. Wie bereits erwähnt, handelte es sich bei meinem Blitzwing um einen Parallelimport aus Mexiko. Die 1990 und 1991 in Europa erhältlichen "Classic"-Neuauflagen diverser Transformers-Figuren aus den frühren Jahren beinhalteten zwar ein "Classic Triple Changers"-Sortiment, verzichteten jedoch gänzlich auf Blitzwing. "Classic Combaticons" gab es zwar, doch kamen diese im Gegensatz zum offiziellen UK-Katalog des Jahres 1991 (Link) im deutschen Gegenstück (Link) nicht vor. (Es gibt zwar Leute, die 1991 die Combaticons in Deutschland gekauft haben wollen - mich würde interessieren, ob die Verpackungen englischsprachig - der damalige Standard für den deutschen Markt - waren oder zweisprachig französisch/niederländisch, was auf Ware aus dem Vertrieb von Hasbro Niederlande hindeuten würde.)

Ganz einheitlich war dieser Verzicht auf Panzer und andere "Militärfahrzeuge" allerdings nicht - im 1991er Katalog kommen sowohl Overlord als auch Action Master Megatron vor, allerdings wird Overlords Panzer-Komponente im Katalog nicht abgebildet und nur vage als "Kettenfahrzeug" bezeichnet, und Action Master Megatrons "Neutro Fusion Tank" wird nur mit seiner englischen Bezeichnung erwähnt. Gleiches trifft auch auf die deutschen Katalog des Jahres 1990 (Link) und 1992 (Link) zu: Der 1990er Katalog bezeichnet die Micromaster Military Patrol nur vage as "Einsatzfahrzeuge" und die Micromaster Anti-Aircraft Base als "Multifunktions-Kettenfahrzeug" und "Action-Plattform". Der militärische Aspekt wird in allen Fällen entweder komplett ignoriert oder aber zumindest deutlich heruntergespielt.

Besonders bemerkenswert ist, dass die "Generation 2"-Version von Megatron laut Hinweisen auf den Rückseiten der Verpackungen diverser anderer Figuren ausdrücklich nicht in Deutschland, Österreich oder der Schweiz erhältlich gewesen sein soll. (Wie es mit "Archforce", der europäischen Version von "Hero" Megatron, aussah, ist nicht ganz klar.)

Diese noch bis weit in die 90er Jahre hinein anzutreffende Vermeidung allzu offensichtlicher militärischer Alternativformen von Figuren (bzw. eindeutiger Hinweise auf selbige in der offiziellen Produktwerbung) hat jedoch im Laufe der Jahre deulich nachgelassen. Schon 2006/2007 war "Cybertron Defense Scattorshot" aus der "Cybertron"-Reihe, bei dessen Alternativform es sich um eine mobile Flugabwehreinrichtung handelt, problemlos in Deutschland erhältlich, und auf der Rückseite der Verpackung wurde der Aufbau auf Deutsch wie selbstverständlich als "Geschütz" bezeichnet.

Brawl, der Decepticon-Panzer aus dem 2007er Film, hatte gleich mehrere Figuren (Deluxe-Klasse, Leader-Klasse, Fast Action Battler, Cyber Slammer und Legends-Klasse), von denen bis auf die Legends-Version alle auch problemlos in Deutschland erhältlich waren (im Falle der Legends-Version hatte dies vermutlich rein vertriebstechnische Gründe).
Auch Legends Megatron aus der 2008er "Universe"-Reihe, dessen Panzer-Alternativmodus von "Generation 2" Megatron inspiriert ist, war meines Wissens in Deutschland erhältlich (man korrigiere mich, wenn ich das falsch in Erinnerung habe). Phil hat die Figur jedenfalls in europäischer Verpackung (Link).

Seltsamerweise fehlte dessen Neuauflage jedoch in der europäischen Version der zweiten Welle des 2014er "Legion"-Sortiments (in Deutschland waren "Grimlock" und "Strafe" aus Welle 2 bei Real und Intertoys erhältlich; in den USA und Australien war auch Megatron in dieser Welle enthalten).
Das bringt uns nun (endlich!) zu "WWII Bumblebee" aus der "Studio Series"-Reihe. Dieser ist tatsächlich auch in Deutschland im Handel erhältlich, gesehen unter anderem bei Müller.

Auf allzu problematische Aspekte hat Hasbro wohlweislich verzichtet; anders als im Film handelt es sich bei Bumblebees Alternativmodus nicht um ein Mercedes-Benz 770-Cabrio, was angesichts der unmöglichen Verwandlung auch technisch schwierig umzusetzen gewesen wäre: Das Filmdesign weist tatsächlich noch, basierend auf einem frühen Entwurf, erkennbare Teile eines britischen Fabrikats, eines Humber Scout Car, auf.

Aus unerfindlichen Gründen hat sich Hasbro für den Alternativmodus der Figur allerdings für ein anderes Humber-Modell, ein Humber Light Reconnaisance Car, entschieden.

Die enthaltene Action-Hintergrundszene des im Film gezeigten angeblichen Nazi-Hauptquartiers (als Kulisse diente tatsächlich ausgerechnet das ehemalige Anwesen des damaligen britischen Premierministers Winston Churchill, was im Vorfeld des Films bereits für Kontroversen gesorgt hatte) ist so gestaltet, dass die Hakenkreuzfahnen (in Deutschland als "Kennzeichnen einer verfassungsfeindichen Organisation" eingestuft und somit mindestens arg bedenklich, je nach Kontext sogar verboten) praktischerweise von Flammen verdeckt werden.

Zwar nicht wirklich relevant für den Gesamtkontext, aber die Beschreibung der Hintergrundszene auf der Rückseite von WWII Bumblebees Verpackung weist außerdem einen kleinen Übersetzungsfehler auf: Im Original heißt es "Bumblebee infiltrates an enemy stronghold, unleashing the war machine within", womit gemeint ist, dass Bumblebee seinen "inneren Krieger" zum Vorschein kommen lässt. In der deutschen Version ("Bumblebee infiltriert eine gegnerische Festung und entfesselt die sich dort befindliche Kriegsmachine"
wird das dagegen so interpretiert, als befinde sich tatsächlich eine buchstäbliche Kriegsmaschine im Inneren der Festung, die Bumblebee durch seinen Angriff freisetzt.Ich behaupte jedenfalls: Vor 25 Jahren wäre diese Figur in Deutschland noch völlig undenkbar gewesen.







